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....echte handgemachte Musik?

Das Märchen vom "naturgetreuen" Klang

Du liest das hier, weil Du selbst Musik machst? Dann weisst Du das alles eigentlich schon. Wenn Du Dich mit einem Hifi-freak unterhältst, wird das in der Regel eine fast religiös-fanatische Diskussion über "richtig" und "falsch" - in den meisten Fällen lustigerweise, obwohl die hardcore-HiFi-isten Aussagen wie "ich gehe nicht mehr auf Konzerte, da klingt es zu schlecht - zu Hause ist der sound besser" treffen, und noch nie im Leben ein Instrument in der Hand hatten. Sie beurteilen also den naturgetreuen Klang einer Aufnahme, ohne das Original zu kennen, an einem Ideal, das sie aus einer Mischung ihrer bisherigen Hörerfahrung und Wunschvorstellung generieren - und sind gleichzeitig überzeugt, kleinste Klangunterschiede präzise wahrnehmen zu können. Kurios? Aber hallo!

In der Popmusik gibt es keinen "echten" Klang. Keinen wahren. Keinen ungeschummelten. Stell' Dich mal in den Proberaum, mit Schlagzeug, Sänger, Akustikgitarre, E-Gitarre und E-Bass. Und dann fangt Ihr an, ein Lied zu spielen. Klingt so irgendeine Platte, die Du kennst? Nein. Natürlich nicht. Der Sänger ist absolut unhörbar, weil das Schlagzeug viel zu laut ist. die Akustikgitarre hört vielleicht noch derjenige, der sie selbst spielt. E-Gitarre und Bass können mithalten, aber das auch nur durch einen beherzten Griff am Lautstärkeregler. Wie "naturgetreu" ist der Klang dieser beiden Instrumente? An welchem Massstab wird das gemessen? Hört das Instrument an der Klinkenbuchse der Gitarre auf? Oder nach den Bodeneffekten? Oder bei der Klangregelung des Röhrenamps? Bei der Wahl des Mikrofons vor dem Amp?

Seit Elvis und seinen Freunden ist die "echte, handgemachte Musik, die noch ganz ohne Technik auskam" gelogen. Mit der Erfindung der 4Mann-Band und dem Verzicht auf orchestrale unplugged-Besetzungen war die Entscheidung gefällt, dass Sänger, Gitarren und Bass auf Konzerten verstärkt werden müssen, und die Entwicklung der E-Gitarren, die ab 1930 für die Verwendung in BigBands begann, wurde erst so richtig vorangetrieben. Zu einem Popsong gehört es üblicherweise, dass der Sänger lauter ist als das Schlagzeug. Das entspricht nicht der akustischen Wahrheit. Aber sehr wohl unserem Klangideal. Die Entscheidung darüber, in welchem Lautstärkeverhältnis und mit welchen Klangeigenschaften der einzelne Musiker innerhalb einer Band hörbar ist, obliegt nicht nur dem Musiker durch Wahl seines Instrumentes und der Spieltechnik, sondern in letzter Konsequenz dem aufnehmenden (oder live mischenden) Tontechniker. Der Tonmann wird also ein wesentlicher Teil des Gesamtereignisses, weil er kreative Entscheidungen über die klangliche Gestaltung einer "performance" trifft. Kreativ sind die Entscheidungen deshalb, weil die Aufgabe für den Techniker bei einer Pop/Rockband eben nicht naturgetreue Konservierung/Reproduktion oder "lauter machen für grosses Publikum" ist, sondern das Erschaffen eines Klangbildes, dass den Musikgenuss wie wir ihn kennen und erwarten erst möglich macht - genau genommen also durch das Erzeugen eines völlig unnatürlichen Gesamt-Sounds. Und ja, das war auch schon vor über 50 Jahren so, als es noch keine Computer auf Bühnen gab.

Alles Lüge?

Damit will ich nicht sagen, dass in der Popmusik niemand singen und spielen kann, und der Tontechniker daraus eh "macht, was er will". Auch wenn so ein Mischpult viele Knöpfe hat, gibt es keinen, der aus einem schlechten Sänger einen guten Sänger macht. Ich will viel mehr anregen, dass Du Dich freimachst von den Ideen, nur "traditionelle" Instrumente zu benutzen, und Klangerwartungen zu entsprechen. Du willst ne verzerrte Stimme aufnehmen? Mach' doch. Du willst ein Lied mit Xylophon, dass lauter ist als das Schlagzeug? Ja, verdammt. Sonst kann man es ja nicht hören. Du magst Ping-Pong-Echo, und willst es nicht verwenden, weil der Gitarrist ja auf einem Konzert nicht so schnell von links nach rechts rennen könnte, und seine Marshalll-4x12er-Wand schon gar nicht? Egal. Mach doch. Es ist völlig selbstverständlich, dass ein Rhodes benutzt wird (das sollte eigentlich mal ein Klavier nachbilden), und Streicher aus Synthies, und dass eine Gitarre im Mix genauso laut ist wie ein Cello. Ist das nicht befreiend? Du darfst machen was Du willst. Weil es eh keine absolute Wahrheit gibt. Und deshalb eine verzerrte Harfe nicht minderwertiger ist als eine glockenklare, wenn das Deiner Vorstellung Deines Popsongs entspricht, und statt Schlagzeug 3 Pappkartons zu nehmen, zu samplen und zu verfremden ist kein Verbrechen.

Klangästhetik

Das geht Dir zu weit? Dann wird für Dich nur ein Live-Konzert in einem klassischen Konzertsaal in Frage kommen (wenn man ausser Acht lässt, dass der absichtlich erzeugte Nachhall durch den Raum baulich festgelegt ist, und nicht sehr natürlich). Vielleicht auch eine Jazzband in einem kleinen Club (aber - das klingt Dir ja zu schlecht, siehe oben). Spätestens nach dem Strassenmusiker in der Fussgängerzone ist dann Schluss mit Deiner Auswahl- und damit meine ich nicht die Typen mit den Pferdedecken und der Panflöte. Die spielen nämlich mit kleinem Dieselgenerator und Verstärker. Und vieeeel künstlichem Hall. Du musst Dich aber nicht belogen fühlen. Van Gogh hat die Welt auch nicht so gemalt, wie sie auf einem Foto aussieht. Und ist sogar nur deshalb so berühmt geworden. Einen Klang so zu verändern, wie er dem Musiker oder Tontechniker gefällt, und wie er dem "Gesamtwerk" und seiner Aussage am besten dient, ist wesentlicher Teil des schöpferischen Prozesses, und mitnichten der Untergang hochwertiger Musikproduktion.