livingloud - Michi Reimers - Kunst oder Handwerk?

Kunst? Handwerk? Kunsthandwerk?

Kunst!

Kunst klingt so schön nach... alternativ, abgedreht, im Bauwagen wohnen, phallische Riesenskulpturen töpfern, ohne Unterwäsche rumlaufen, Bilder malen auf denen niemand was erkennt,... aber Moment. Ist das nicht ein bisschen kleingeistig?

Wenn wir grade bei Bildern sind: In der Fotografie gibts da vielleicht einen schönen Vergleich. Eine Türklinke kann man als Kunst fotografieren, und sich als Künstler begreifen (17.000 dirty hands touch me every day! Die Künstlerin eröffnet die Vernissage nackt als lebende Türklinke!), als etwas wie Kunsthandwerk ("Türklinken in Hamburg gestern und heute. Eine Kulturgeschichte. Bildband in 40x40 mit 482 Seiten). Oder als Handwerk (Fotograf fotografiert 1000 Türklinken der Türklinkenkollektion Frühjahr 2015 des Türklinkenherstellers Klink für den Türklinkenonlineshop 'Öffne mich - Klinken für Kenner!').

Mit ner Gitarre vorm Bauch gilt so ziemlich das Gleiche. Du kannst Künstler sein, und ein Projekt wie "ich spiele ein 12stündiges Konzert auf einer Gitarre, ohne ein einziges mail eine Saite zu berühren" auf Kampnagel umsetzen. Mit viel Kunstblut. Und die hookline dazu mit einer modifizerten Nasenflöte pupsen. Du wirst kein Problem haben, damit als Künstler identifiziert zu werden. Aber - kaum jemand wird Dich als Handwerker empfinden, als jemanden, der sein Instrument beherrscht, egal wieviel Arbeit Du in die Ernährungstests gesteckt hast, damit Du das komplette Konzert durchhältst, und wie lange Du mit Deiner Gitarre versucht hast, Kunstblutschmiergeräusche zu machen. Vielleicht wird niemand verstehen, was Du mit Deiner Vorstellung überhaupt sagen willst. Erreichen willst. Was Deine Absicht ist. Kann Kunst überhaupt eine Absicht haben, ohne Handwerk zu werden? Und wenn nicht - wenn sie also keine Absicht hat, und kein Ziel- wozu ist sie dann gut?

Wenn Du und ich anfangen, ein Ziel zu haben, und auf ein Ziel hinzuarbeiten, sind wir dann noch Künstler? Oder sind wir viel mehr Könner? Handwerker, die für etwas arbeiten, ihr Instrument so beherrschen lernen, dass es die meisten Konventionen erfüllt, Popsongs mit Tonika->Subdominante->Dominante->Tonika produzieren, Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, Bridge, Break, 1/2 Ton höher, Strophe, Strophe, fertig? Popmusik ist Handwerk. Die Form eines Popsongs ist seit 50 Jahren definiert. Die Geschichte der Charts lässt sich hervorragend daraufhin untersuchen, wie songs aufgebaut sind, die "funktionieren". Nun kann man natürlich alles ganz anders machen wollen. Ganz unkommerziell. Und unkonventionell. Mit Kunstblut. Vielleicht. Aber: wen erreichst Du damit? Und - ist die Wahrheit nicht, dass bei den vorhandenen 12 Noten jede erdenkliche Melodie schonmal irgendwo auf der Welt gespielt worden ist? Egal, ob mit Kunstblut oder ohne?

Was ist die "Kunst" an einem popsong? Ihn trotz aller festen Formvorgaben noch so zu gestalten, dass er nicht wie die 1000ste Beatles-Kopie klingt? Einen Text zu schreiben, der Zuhörer zu Tränen rührt? Sein Handwerk so gut zu beherrschen, dass viele Menschen das Endprodukt gern anhören?

Ein Instrument perfekt zu beherrschen jedenfalls ist in erster Linie ein Fleisserfolg. Vielerseits wird ein 250BPM Metal-double-Base-solo einen Schlagzeuger vermutlich als Künstler qualifizieren. In Wahrheit ist er ein Handwerker. Eine Maschine, die eine einmal erdachte performance in höchster Präzision reproduziert. "Mach das erstmal nach!"? Abgesehen von "warum denn?" würde ich sagen "ja klar, nächstes Jahr, wenn ich es geübt habe". Technische Beherrschung eines Instruments ist ein Fleisserfolg. Ein Handwerk. Keine Kunst. Das heisst keinesfalls, dass diese Fähigkeit niederwertiger ist.

Die Frage, die dahintersteht, ist eng mit dem "wer bin ich und was will ich erreichen" verbunden. Willst Du Charterfolg oder verstören? Willst du Deine Eltern erschrecken, oder Deine Grosseltern glücklich machen? Willst Du Mädels anlocken oder langhaarige Typen in schwarzen T-shirts? Bist Du bereit, marktgerecht zu produzieren, oder willst Du dich selbst verwirklichen? Schliesst sich das gegenseitig aus? Und wo ist da die Mitte?

kein Kommerz!

"unkommerziell" ist in dem Zusammenhang ein inflationär verwendeter Begriff. Der Wunsch, etwas Neues zu erschaffen, etwas Anderes, etwas was nicht dazu gedacht ist, im Radio Geld zu verdienen. Warum eigentlich nicht? Wo ist denn der Makel daran, wenn man in 3 Minuten eine Geschichte erzählen kann, die so viele Menschen berührt, dass sie 89cent bei iTunes dafür bezahlen, das Ding noch viel öfter hören zu können als es im Radio läuft? Mal ganz ehrlich? Oder wenn man es sogar ohne Geschichte schafft (hyper, hyper), Menschen für eine Melodie zu begeistern, oder einen beat, oder irgendwas was ich nicht verstehe?

Auf einen anderen Lebensbereich übertragen ist die Forderung nach "unkommerzieller Musik" genauso albern, wie von Herrn Pringle zu fordern, dass er nur noch Chips produziert, die weniger als 1% der Käufer gern essen. Wenn Du Dich über Deine Musik definierst, dann ist es einfach nicht nötig und nicht ehrlich, zu wollen, dass sie niemand mag. Um ganz sicher zu sein, wäre das Einfachste: spiel' einfach nur für Dich. Dann ist es "unkommerziell". Sich mit "ich bin so anders dass mich niemand verstehen soll" zu schmücken, und trotzdem zu veröffentlichen, ist albern und pubertär.

Ich bin also Kunsthandwerker.

...und ich bin das viel lieber als Künstler. Vielleicht weil ich ein Spiesser bin. Vielleicht, weil ich gern Unterwäsche trage und glitschigen Ton an den Fingern nicht mag. Vielleicht weil ich ein Ziel habe, und systematisch darauf hinarbeite. Bestimmt, weil ich bereit bin, mich völlig den Konventionen der Popmusik zu unterwerfen, und mich darin sogar wohlfühle.

Ich entwerfe meine songs nicht am Reissbrett, aber meine musikalische Sozialiation sorgt dafür, dass ich automatisch das Standard-Schema als erstrebenswert und schön empfinde. Der Bodensatz all der Musik, die ich in knapp 4 Jahrzehnten gehört habe, führt zu einer neuen Betrachtung, einem eigenständigen Produkt mit meiner Sichtweise auf die Dinge, die schon so viele vor mir erschaffen haben. Genau wie der Türklinkenbildband aus vorhandenen Dingen ein neues Werk zusammenstellt, erschaffe ich in einer Welt voller "vorhandener" Musik etwas Neues aus den schon vorhandenen "Materialien".

Wenn das am Ende jemand hören mag, ist das ein wundervolles Geschenk. Und ich werd nen Teufel tun und das dadurch zu verhindern versuchen, dass ich eine Form wähle, die niemand versteht. Dann... könnte ich es doch gleich für mich behalten. Dadurch bin ich nicht "kommerziell". Nur ehrlich. :)