livingloud - Shoppingwahn und Handel

Shoppingwahn

Es ist mal wieder so weit. Für meine Taylor will ich ein Zubehörteil haben. Bestelle ich direkt bei Taylor. Für meinen Superior Drummer will ich ein Midi-Pack haben. Bestelle ich online. Ein neues Mikrofon? Klar. Bestelle ich online. Weil ich die Nase voll habe von den stationären Händlern hier in Hamburg.

Ich arbeite schon viele Jahre selbst im Handel, habe einen eigenen Laden gehabt und hinter der Theke gestanden, im Aussendienst Fachhändler betreut, als angestellter Verkäufer und Vertriebler gearbeitet. Ich habe riesigen Spass daran, im guten Fachgeschäft Anzüge anzuprobieren (jaja, Spiesser) und mich von einem guten Verkäufer beraten zu lassen. Oder Schuhe zu kaufen. Ich hätte bestimmt auch riesigen Spass daran, Gitarren auszuprobieren, und Tap-delays, und Mikrofone. Und: ich habe vor Allem auch Spass daran, mir Dinge zu kaufen und mit nach Hause zu nehmen. Aber ich kanns nicht mehr hören:

Guter Service oder guter Preis?

der Lieblingssatz der stationären Händler gegen das böse Internet hängt mir zum Hals raus. Echt. Wir haben 2015. Es ist absolut indiskutabel, dass ich mich für eines von beidem entscheiden muss. Ich will verdammt nochmal BEIDES. Ich will einen guten Preis (keinen absurden, dass mit dem Verkauf Geld verdient werden muss, ist klar) UND guten Service.

Online macht den Markt kaputt?

was mich immer wieder überrascht, ist, wie freundlich und zuverlässig Europas grösster Versender thomann funktioniert. Ein Teil ist nicht im Sortiment? Auf ne mail gibts sofort eine freundliche Antwort, und das Ding wird beim Hersteller bestellt. Zu einem angemessenen Preis zwischen UVP und dem billigsten Onliner. Eine Fachfrage zu einem Gerät? Klar, kein Problem. Mail an die jeweilige Abteilung, und die Mitarbeiter dort packen die Geräte aus, machen einen Probeaufbau, und rufen an oder mailen das Ergebnis zurück. Und kennen sich echt mit dem Zeug aus. Schnell, freundlich, bemüht. Sensationell? Naja. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Und: für thomann ist es das offensichtlich auch. Bei jedem Kontakt mit den Mitarbeitern dort, auch wenn es um Kleinkram ging, hatte ich bisher das Gefühl, als Kunde geschätzt und respektiert zu werden.

Versucht das mal beim Händler vor Ort. "Kann ich eigentlich diese Mikrofonspinne auch mit...?" "Keine Ahnung, aber wenn wir die bestellen und auspacken, musst Du sie auch nehmen. Dann ist sie ja nicht mehr neu". Aha. Also auch wenn sie nicht passt? Schulterzucken. Mail an einen grossen Händler in HH mit der Frage nach 2 Teilen für meine Taylor (autorisierter Taylor-Händler, natürlich, mit der "sensationellen" Auswahl von 4 Gitarren im showroom): Unbeantwortet. Seit Wochen. Nach 3 mails an einen anderen grossen Taylor-Händler in HH, weil nach meiner Bestellung nichts passiert ist, und ich weder Preis- noch Lieferzeitinfo bekommen habe - die Antwort: "Sorry, da hast Du echt Pech gehabt". Wer da wirklich Pech gehabt hat, ist klar: Alle stationären Händler. Ich würde so wahnsinnig gern in der Mittagspause oder nach Feierabend ein paar interessante Gitarren anfassen. Ein Kabel und Saiten mitnehmen. Effektgeräte und Mikrofonständer kaufen. Mein komplettes "Spielgeld" monatlich für unnützen und sinnvollen Musik-Kram verdaddeln. Gitarren kann man auch nie genug haben. Aber EUCH gebe ich mein Geld nicht mehr. Ich trage (oder paypale) es lieber zu jemandem, der mir nicht das Gefühl gibt, dass ich ihn beim Handy-whatsappen störe. Die Wahrheit ist also: thomann (und es gibt auch andere Händler mit online-shop, die ihren job gut machen - keine Frage) ist gar nicht böse und macht auch nicht den Markt kaputt. thomann verschickt auch keinen ungeprüften Retouren-China-Schrott und braucht dann Monate für die Reparatur (auch wenn Ihr, liebe "Fachhändler", den Kunden immer wieder Angst vor dem Kauf im Internet machen wollt). thomann macht einfach das, was man von einem Händler als Kunde erwartet. Gute Beratung, zuverlässige und belastbare Aussagen, fairer Preis, schnelle Lieferung. IHR macht den Markt kaputt. Mit Eurer Faulheit. Eurem langweiligen Sortiment. Euren nicht-eingehaltenen Versprechen. Eurem "der kauft ja sowieso nix" -Blick.

wenn jeder 2te Satz eine Ausrede für die eigene Faulheit ist...

...welche Berechtigung hat dann noch ein stationärer Händler? Ach ja, richtig. Ich kann Dinge anfassen und anhören. Vielleicht habe ich einen ungewöhnlichen Interessenbereich - das Sortiment der grosssen Händler in HH ist sehr mainstream-langweilig. Einen Boss Bodentreter muss ich eigentlich nicht mehr testen. Die kennt ja jeder. Aber ein kleiner Eventide, zum Beispiel, gegen einen Strymon, das würde mich mal interessieren. Habt Ihr ja nicht da. Wollt Ihr auch nicht bestellen. Obwohl ich einen davon kaufe. Und obwohl ich Euren höheren Preis akzeptieren würde. Ja dann... ist Euer Vorteil gegenüber "dem Internet" genau... welcher? Ich habs irgendwie nicht verstanden. Und ich glaube, Euch fällt darauf auch keine Antwort mehr ein. Schade, oder?

Wer Spass an dem Thema Handel stationär/online hat: Die brand eins 4/2015 beschäftigt sich genau damit. Spannende Ausgabe. In der Hörbuchversion (amazon) kann man übrigens auch meine Stimme hören :)