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...bezahlt Ihr meine erste Platte?

In den letzten Jahren hat sich für viele Künstler das "crowdfunding" über Plattformen wie kickstarter etabliert, um Tourneen, Aufnahmen oder Tonträgerproduktion vorzufinanzieren. Wie das funktioniert? Ganz einfach. Ein Künstler macht Appetit auf ein Album, zum Beispiel mit nem Video, einem Demo-song,... Wenn alles klappt, finden das so viele Menschen so toll, dass sie dem Künstler quasi einen zinsfreien Kredit geben, also eine Ware mit Vorauskasse bestellen, die noch gar nicht existiert. Als Dankeschön werden üblicherweise zum eigentlichen Produkt (Platte) Extras je nach Höhe des finanziellen Engagements versprochen.

Ist das nicht wie... betteln?

Hm. Naja. Ein bisschen schon. Klar: die Untersützer bekommen am Ende ein Produkt, und je nach Höhe der Einlage auch Extras dazu (Autogrammkarte, eigener song, Nennung im booklet,...). Aber: was passiert eigentlich, wenn diese Platte nie fertig wird? Oder: wenn auf dem Weg dahin der Spass verlorengeht, und was halbherziges rauskommt? Oder: Wenn sie trotz aller Mühe einfach schlecht wird? Betteln passt also nicht ganz, wenn man davon ausgeht, dass man damit "Geld ohne Gegenleistung" meint. Es ist aber immerhin maximal "Geld gegen eventuelle bis wahrscheinliche, aber genaugenommen noch unbekannnte Gegenleistung", und damit für die Unterstützer eigentlich kein deal.

Fanbindung vs. Risikoabwälzung

Darf man das finanzielle Risiko für den eigenen Traum auf Andere abwälzen? Und vor Allem: Warum will man das? Als Band, die z.B. schon Alben bei einem major draussen hat, und etwas Unabhängiges veröffentlichen will, mit einer festen fanbase, kann crowdfunding auch eine Art der Bindung zwischen Hörern und Band sein. Sich für "seine Band" zu engagieren wie für einen Fussballverein mag vielen Fans gefallen und Spass machen, und die versprochenen Extras haben bei einer bekannten Band einen hohen ideellen, vielleicht sogar später einen materiellen/finanziellen Wert (ebay: OriginalBH von xyz, habe ich damals von ihr persönlich bekommen als sie in meinem Schlafzimmer für mich gesungen hat). Als Marketing-tool kann ich crowdfunding durchaus verstehen, und finde es auch geeignet, um seine Hörerschaft intensiv in das Entstehen und die Wertschätzung einer Platte einzubinden. Allerdings: Dazu ist eine funktionierende und treue fanbase nötig. Diese erst durch das crowdfunding rekrutieren zu wollen (hey, wir kennen uns noch nicht, aber ich mach da bald was ganz tolles, kannst du mir Geld dafür geben?) ist einfach eine viel beschissenere Ausgangslage als "hey, wir kennen uns schon 3 Jahre, und Du warst auf meinen Konzerten - und dafür danke ich Dir. Ich hab da ne neue Idee, und dafür brauche ich Deine Hilfe - dann wirds noch geiler als bisher. Bist Du dabei?"
Für eine erste Platte empfinde ich das Abwälzen des finanziellen Risikos auf Dritte als unangemessen. Vor Allem, weil man selbst "beim ersten mal" nicht einschätzen kann, ob man das gewünschte Qualitätsniveau überhaupt erreichen wird, zum geschätzten Preis, und in der geschätzten Zeit. Dafür fehlt einfach die Erfahrung. Für unerfahrene Musiker ist das Versprechen "wenn Du mir 100 EUR gibst, gebe ich Dir in 2 Monaten meine Platte und ein privates Konzert im Wohnzimmer" fahrlässig mutig. Und auch der spätere Wert der Extras ist zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nicht absehbar. Für die Unterstützer kann das also genauso fies nach hinten losgehen wie seinerzeit die t-Aktie.

Wenn Du wirklich ne Platte machen willst...

...was hält Dich dann davon ab, das Risiko selbst zu tragen, vielleicht einen 400 EUR-job zu machen, oder in der Fussgängerzone zu spielen, 2 Stunden länger am Tag wachzubleiben, und Dich um ein Netzwerk aus Studio und Musikern zu bemühen? Etwas provokanter: Wenn Du nicht die Eier hast, Deinen Fernseher zu verkaufen, 2 Jahre keinen Urlaub zu machen und statt Caffee Latte bei starbucks zu Hause Wasser zu trinken, weil Du diese Platte wirklich willst - hast Du dann die Eier, das Ding durchzuziehen, in der versprochenen Zeit, in der versprochenen Qualität, mit ganzem Herzen und aller Kraft, weil Dir jemand anderes 3500 EUR zur Verfügung stellt?
Und wenn das "Du" sogar eine Band ist - mal ehrlich: Wenn nicht jeder von Euch 500-800EUR einbringen will, in ein Projekt wie die erste eigene Platte, dann wirds doch eh nix. Dann habt Ihr auch kein Geld/nicht genug Willenskraft für einen Proberaum, Instrumente, die erste kleine Tour als support bei der Clubtour eines semi-bekannten Künstlers,... und einfach falsche Prioritäten für "die erste Platte". Mit der Energie und Einstellung wirds auch dann nix, wenn jemand anders das Geld vorstreckt. Zusätzlich tut der "in 5 Wochen muss es fertig sein"-Druck dem Endprodukt sicher nicht gut, wenn Du noch nicht weisst, was genau auf Dich zukommt.

Du kannst gerne eine andere Meinung haben. Auf mich wirkt dieses "ich möchte gern eine eigene Platte machen, aber ich kann es mir nicht leisten" ganz schön halbherzig und lieblos. Und vielleicht sogar ein bisschen faul.