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Akustikgitarre mit einem Mikrofon aufnehmen

...die richtige Position

Die schnelle Lösung: Wenn Du Deine Akustikgitarre mit einem Mikrofon aufnehmen willst, gehört das in 30-40cm Abstand vor den 12ten Bund. (30cm enspricht so ungefähr der langen Kante einer DIN-A4-Seite, einem Turnschuh der Grösse 45, Deinem Unterarm bis zum Handgelenk oder der halben Saitenlänge Deiner Gitarre - hier lernt man was fürs Leben ;-) ). Warum? Bittesehr:

Das Nieren/Cardioid-Mikrofon

Jetzt wirds erstmal technisch. Aber hoffentlich nicht unverständlich :) In den meisten Fällen wirst Du ein Nierenmikrofon (Cardioid ist übrigend der englische, chinesische,...:) Begriff) besitzen. Also ein Mikrofon, das im Idealfall nur für Schall von vorn empfindlich ist, und die von hinten eintreffenden Geräusche deutlich "leiser wahrnimmt" (wenn Du mehr darüber wissen willst: Mikrofone verstehen). Der besonders schall-empfindliche Bereich sieht aus wie eine Niere - deshalb der Name. Das Symbol ist bei den meisten Mikrofonen auch irgendwo aufgedruckt/eingraviert/...

Nierenmikrofon

Diese Nierencharakteristik ist bei allen Mikrofonen abhängig von der Frequenz - die Form der Niere wird also breiter oder schmaler, je nachdem ob grade tiefe oder hohe Töne ankommen. Stellt man nun ein Nierenmikro vor das Schallloch einer Akustikgitarre, macht ein Foto, und kritzelt dann ein sehr vereinfachtes Polardiagramm mitten ins Bild, sieht das ziemlich genau so aus:

Kleinmenbran Nierenmikrofon für Akustikgitarre

Für unseren Fall bedeutet das also vereinfacht, dass die tiefen Töne von überall auf der Gitarrendecke gleich laut aufgenommen werden, und die hohen am Lautesten in der Mitte, direkt vorm Schallloch. Nun kommt aber grade aus dem Schallloch einer Akustikgitarre besonders der Tieftonanteil (halt mal Dein Ohr davor - man hört dort besonders gut den Bereich um die Eigenresonanz des Gitarrenkorpus, bei den meisten Gitarren zwischen 100Hz und 200Hz) und gar nicht viele Höhen. Die eh schon unterrepräsentierten Höhen werden im blödesten Fall noch von Deiner Anschlaghand vorm Mikro abgeschirmt.

Weil das noch nicht reicht, kommt bei einem Nierenmikrofon zusätzlich der Nah(besprechungs)effekt ins Spiel. Das kennst Du bestimmt von Deinem Gesangsmikrofon: Je dichter Du rangehst, desto bassiger klingt Deine Stimme. Bei ner Gitarre funktioniert das genauso.

Auf diesem Foto sind also 3 Fehler "versteckt": Das Mikro steht zu dicht vor der Gitarre (Naheffekt), steht an der falschen Stelle (Schallloch) und hat eine nierenförmige Richtcharakteristik, die an den Seiten weniger Höhen aufnimmt als direkt von vorne.

Die Lösung? Kostet erstmal nix. Das ist die gute Nachricht. Sehr viel besser ist das Resultat mit diesem einzelnen Mikro, wenn wir die Gitarre in 30-40cm Abstand zwischen dem 12ten Bund und dem Korpusansatz abnehmen. Der Unterschied mit dem gleichen Kleinmembran-Mikro:

Akustikgitarre mit Kleinmembran Kondensatormikrofon Niere

Kleinmembran 12ter Bund, cardioid (Lewitt LCT340)

Geht doch schon viel besser. Diese Art der Aufnahme kann man als "Standard-Technik" bezeichnen, wenn man mit einem einzelnen Mikrofon arbeitet. Das Mikrofon funktioniert natürlich genauso wie vorher: Aber wir haben den Naheffekt durch etwas grösseren Abstand reduziert, und nehmen die Gitarre nun an einer Stelle ab, an der sie deutlich weniger basslastig klingt. Grundsätzlich sind natürlich andere Positionen denkbar (zum Beispiel zwischen Steg und Unterbug/Gitarrenpopo), und Du kannst natürlich ausprobieren was Du willst und was Dir am Besten gefällt. Ausserdem klingt jede Gitarre anders, und Deine Vorstellung ist vielleicht grade eine dunkle, wummerige Blues-Gitarre. Ich wage es allerdings, Dir zu versprechen: Schnell und sicher für ein Ergebnis, das man in einem Mix mit anderen Instrumenten nutzen kann, ist auf jeden Fall die oben beschriebene Variante.

Will man jetzt noch weniger "Gerumpel" haben, wäre ein grösserer Abstand hilfreich, um die Wirkung des Naheffekts zu verringern. Das heimische Wohnzimmer ohne Akustikoptimierung wird dann aber eigene Ambitionen entwickeln, berühmt zu werden, und sich mit einem sehr unschönen Raumanteil auf der Aufnahme verewigen. In einem intimen Blues-Singer-Singwriter-Dings kann das noch als Charakter-Atmosphäre funktionieren, in einem Pop-Mix mit geplantem künstlichen Hall oder "indieFresse-sound" aber nicht. Es geht wie so oft im Leben darum, den besten Kompromiss zu finden. Praktisch gedacht könnte man auch entscheiden, dass im Bandmix der Bereich unter 200Hz bei einer Akustikgitarre eh nicht nötig, sondern eher störend ist - Du kannst also den Abstand so lassen, und einfach einen LowCut setzen und "den ganzen Mist wegschneiden". Das ist einfacher, als den Raumhall aus der Aufnahme zu entfernen (nahezu unmöglich), und Dein Bassist und der Schlagzeuger werden sich freuen, wenn man sie auf der fertigen Aufnahme auch hören kann.

Das Kugel/Omni Mikrofon

Du hast gar kein Nierenmikrofon, sondern eine Kugel? Mikrofone ohne Richtwirkung (=omnidirektional) nehmen den Schall von fast überall gleich laut auf, haben in fast allen Fällen eine deutlich weniger ausgeprägte 'Richtwirkung' zu hohen Frequenzen und keinen Nah-Effekt. Ein Omni-Mikrofon wird also aufgrund seiner Funktionsweise ein deutlich natürlicheres Ergebnis mit gleichmässig lauten Bässen, Mitten und Höhen erzielen erzielen können. Das Omni ist hinsichtlich der Positionierung vor der Gitarre weniger kritisch - wenn Du Dich ekstatisch vor dem Mikrofon bewegst, wirds einfach nur lauter und leiser. Bei einer Niere verändert sich durch den Naheffekt und die stärkere frequenzabhängige Richtwirkung der Klang. Dann ist ja eigentlich alles klar - Du brauchst ein Omnidirektionales Mikrofon? Stop: Mit einem Omni hörst Du auch jedes Nebengeräusch in Deinem Aufnahmeraum, viel mehr reflektierten Schall von den Wänden, und dadurch vor Allem die akustischen Schwächen Deines Home-Studios. Wenn Du einen gut klingenden Raum hast, oder den vorhandenen effektiv temporär dämpfen kannst/willst, dann los - die Position am 12ten Bund / Korpusübergang klappt auch mit einem Omni super (genau vorm Schallloch geht übrigens mit einem Omni auch schief, weil die Gitarre dort einfach zu basslastig klingt).

Was ist denn nun besser - Omni oder Cardioid?

Das Problem der Nierencharakteristik bei einem Instrument mit so breiter "schallaktiver" Fläche dürfte verstanden sein. Der Vorteil auch? Nicht vergessen - dafür kauft man sich ja extra ein Mikrofon mit Richtcharakteristik: Es wird viel weniger Schall von hinten/von der Seite aufgenommen als von vorn, und damit viel weniger "Wohnzimmersound". Eine allgemeingültige Antwort kann man darauf nur schwer geben. In kleineren, akustisch unbehandelten Räumen wirst Du mit einem Omni sicher unglücklich, weil im Verhältnis viel zu viel indirekter Schall aufgenommen werden wird. In einem akustisch gut eingerichteten Raum, oder in einem sehr grossen mit langer Nachhallzeit, wirst Du mit einem Omni die besseren Aufnahmen machen können. Viele Hersteller bieten Mikrofone mit Wechselkapseln für verschiedene Einsatzzwecke an. Beliebt, weltweit als günstiger Allround-Standard etabliert und preiswert genug für die meisten homerecording-Anwendungen ist zum Beispiel der Klassiker Oktava 012 (link zu thomann) im set mit mehreren Kapseln. Ich verwende ein Lewitt LCT340 mit Wechselkapseln, kann also auch je nach Raum oder Klangvorstellung entscheiden, ob ich Omni oder Cardioid benutzen will. (Das Lewitt find ich übrigens phantastisch - mit beiden Kapseln. Nein, ich habs nicht mit dem Oktava verglichen.)

Kleinmembran, Grossmembran, Gesangsmikro

Mikrofone unterscheiden sich nicht nur in Ihrer Richtcharakteristik, sondern auch im Membrandurchmesser. Das mag jetzt nichts Neues sein. Weil es ganz interessant ist, habe ich aber zum Vergleich mal die 12ter Bund-Methode im Vergleich aufgenommen, jeweils mit Nierenkapsel:

Kleinmembran 12ter Bund, Cardioid (Lewitt LCT340)

Grossmembran 12ter Bund, Cardioid (Lewitt LCT640)

Vocal-micro 12ter Bund, Hyperniere (Shure Beta87A)

Trotz der grossen Unterschiede wirst Du mir sicherlich zustimmen, dass alle 3 Varianten durchaus nutzbar sind.

Fazit?

In einer Rock-Pop-Anwendung wird ein anständiges Cardioid an der richtigen Stelle ein sehr brauchbares Ergebnis abliefern, und mit fast jedem vorhandenen Mikrofon wird bei richtiger Positionierung ein respektables Ergebnis erzielbar sein. Start Deiner Versuche sollte eine Positionierung ca. 30cm entfernt vom 12ten Bund, leicht in Richtung Korpus gewinkelt, sein. Mit kleinen Variationen des Abstandes und Winkels kannst Du diesen Aufbau für Deine Zwecke optimieren. Wenn das Ziel eine High-End-Solo-Gitarrenaufnahme ist, wirds Dir vielleicht nicht reichen - aber dann ist eh ein gut klingender Raum nötig.

Mono-Gitarre + Mono-Raum

Übrigens: In einem gut klingenden Raum kann es tatsächlich spannend sein, die Gitarre direkt am 12ten Bund abzunehmen, und in einigen Metern Entfernung ein weiteres Mikro aufzustellen, das den natürlichen Raumklang aufzeichnet. Diesen kannst Du dann nach Bedarf zumischen. Ich habe dafür keinen geeigneten Raum, aber vielleicht darfst Du ja für Deine Flamenco-Aufnahme eine Kirche benutzen, oder eine Schul-Aula?

Weitere Varianten mit mehr als einem Mikrofon oder zurück zum Anfang? Bittesehr:

Akustikgitarre aufnehmen - intro

Akustikgitarre mit mehreren Mikrofonen aufnehmen

Akustikgitarre mit mid-side-stereo aufnehmen

Akustikgitarre aufnehmen -Zusammenfassung